SIG Sauer muss wegen illegaler Waffenexporte historische 11 Millionen Euro zahlen

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Protest vor dem BGH gegen die illegalen Exporte von SIG Sauer

SIG-Sauer-Pistolen werden in Kolumbien bei Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen eingesetzt

Im Fall illegaler SIG Sauer-Kleinwaffenexporte von Deutschland über die USA nach Kolumbien hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe das Unternehmen zu einer Zahlung von mehr als 11 Millionen Euro verpflichtet und damit das Urteil des Landgerichts Kiel weitestgehend bestätigt. Die Verurteilung zur Zahlung dieser historischen Summe ist ein riesiger Erfolg der “Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!”, die den Prozess mit ihrer Strafanzeige aus dem Jahr 2014 angestoßen hatte.

„Dies ist die höchste Summe, die je von einem Kleinwaffenhersteller eingezogen worden ist! Der Bundesgerichtshof hat damit bestätigt, dass illegaler Waffenhandel die Verantwortlichen teuer zu stehen kommt”, kommentiert Holger Rothbauer, der Anwalt der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!”, die Entscheidung. „Auch wenn die Gesetzgebung gegenüber Waffenhändlern weiterhin zu schwach ist, wird durch dieses Urteil gegen das Unternehmen SIG Sauer illegaler Waffenhandel endlich als das behandelt, was es ist: organisierte Kriminalität”, so Rothbauer mit Bezug auf die Einziehung des gesamten Umsatzes nach einem seit 2017 bestehenden Paragrafen, der sich hauptsächlich gegen die organisierte Kriminalität richtet.

„Nach Heckler & Koch ist SIG Sauer der zweite deutsche Kleinwaffenhersteller, der innerhalb weniger Monate vom Bundesgerichtshof zu Millionenzahlungen verurteilt wird. Das ist ein Meilenstein auf dem Weg dahin, die Händler des Todes Made in Germany finanziell zur Verantwortung zu ziehen und ein Riesenerfolg der Kampagne ‘Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!’”, sagt Jürgen Grässlin, Sprecher der Kampagne und Bundessprecher der „Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen“ (DFG-VK). Die Kampagne hatte 2014, vertreten durch Rechtsanwalt Holger Rothbauer, Anzeige wegen der illegalen Waffenexporte durch SIG Sauer gestellt. In der Folge waren im Jahr 2019 drei Führungskräfte des Unternehmens aus Deutschland und den USA vom Landgericht Kiel zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Dieses Urteil ist bereits rechtskräftig. Der BGH verhandelte jetzt nur noch die Revision des vom Landgericht geforderten Einzugs der Umsätze aus dem illegalen Waffengeschäft, bei dem mehr als 38.000 zunächst in die USA exportierte Pistolen von dort aus illegal in das damalige Bürgerkriegsland Kolumbien weiterverkauft worden waren. Die Revisionen wurden vom BGH weitgehend zurückgewiesen, eine Revision wurde an das Landgericht Kiel zu erneuter Bewertung verwiesen. Von der Neuverhandlung ist nur noch die Haftung für die Beträge innerhalb der Unternehmensgruppe betroffen.

Seit April 2020 liegt die nächste Strafanzeige der Kampagne gegen SIG Sauer wegen illegaler Kleinwaffenexporte (diesmal nach Mexiko, Nicaragua, sowie erneut Kolumbien) vor, die Staatsanwaltschaft Kiel ermittelt.

„Die Politik muss aus den Prozessen in den Fällen Heckler & Koch und SIG Sauer endlich Konsequenzen ziehen,” sagt Charlotte Kehne, Referentin für Rüstungsexportkontrolle bei Ohne Rüstung Leben und Sprecherin der „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“. „Die Weiterleitung der SIG-Sauer-Waffen über die USA nach Kolumbien hat wieder einmal gezeigt, dass der Endverbleib von Kleinwaffen nicht kontrollierbar ist. Ein strenges Rüstungsexportkontrollgesetz inklusive Kleinwaffenexportverbot ist daher mehr als überfällig! Zudem muss die Politik der Internationalisierungsstrategie von Rüstungsunternehmen entschieden entgegentreten. Es kann nicht sein, dass SIG Sauer über seine Standorte im Ausland in alle Welt exportieren kann, die Gewinne aus fragwürdigen Waffengeschäften jedoch weiterhin an die deutsche Holding fließen”, so Kehne.

„Wir können mit Recherchen vor Ort und einem Dossier belegen, dass SIG-Sauer-Waffen in Kolumbien großen Schaden anrichten,” sagt Ralf Willinger, Kinderrechtsexperte bei terre des hommes Deutschland. „SIG-Sauer-Pistolen werden von Drogenbanden, Paramilitärs und Guerillagruppen bei Verbrechen eingesetzt, Kindersoldat*innen aufgezwungen und auch kriminelle Polizist*innen und Militärs haben sie bei schweren Menschenrechtsverletzungen und Straftaten benutzt. Kinder und Jugendliche aus unseren Projekten sind stark betroffen”, berichtet Willinger.

Seit April 2021 finden in Kolumbien große Proteste für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit statt. Die Regierung von Präsident Iván Duque geht mit tödlicher Gewalt gegen friedliche Demonstrierende vor. Die Polizei in Kolumbien ist vornehmlich mit SIG-Sauer Waffen ausgestattet. „Es ist ein wichtiges Zeichen für die kolumbianische Zivilgesellschaft, dass Rüstungsunternehmen in Deutschland erfolgreich der Prozess gemacht wird. Dennoch: diese Waffen hätten niemals in den Besitz der kolumbianischen Polizeieinheiten gelangen dürfen, egal ob auf illegalen oder legalen Wegen”, sagt María Cárdenas vom deutschen Kolumbianer*innen Kollektiv „Red Colombia Rhein-Main”. Gemeinsam veranstalteten Red Colombia Rhein-Main , die Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen und Colombia Viva e.V. vor der Urteilsverkündung in Karlsruhe eine künstlerische Protestaktion, um auf die Menschenrechtslage in Kolumbien aufmerksam zu machen.

Kontakt für die Medien

Jürgen Grässlin, DFG-VK, Rüstungsinformationsbüro, Tel.: 0170-6113759, jg@rib-ev.de

Charlotte Kehne, Ohne Rüstung Leben, Tel.: 0711-62039372, orl-kehne@gaia.de  

Rechtsanwalt Holger Rothbauer, DEHR-Rechtsanwälte, Tel.: 07071-1504949 / 0173-6577693, anwalt@dehr.eu

Ralf Willinger, terre des hommes, r.willinger@tdh.de, Tel. : 0541-7101-108

Weitere Informationen

Dossier und Faktenblatt von terre des hommes „SIG-Sauer-Pistolen in Kolumbien“: www.tdh.de/kleinwaffen

„Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ Informationssammlung zu SIG Sauer: https://www.aufschrei-waffenhandel.de/daten-fakten/ruestungsfirmen/sig-sauer/

SIG Sauer Must Pay Historic 11 Million Euros Over Illegal Arms Sales

SIG-Sauer-guns are being used in Colombia to commit crimes and human rights abuses

In the case of illegal small arms exports from Germany via the USA to Colombia, the German Federal Court of Justice (BGH) in Karlsruhe has ordered the German-American gun maker SIG Sauer to pay more than 11 million euros, thus largely confirming a verdict of the Kiel Regional Court from 2019. The order to pay this historic sum is a huge success for the German campaign against the arms trade, „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ (Action Outcry – Stop the Arms Trade!), which had initiated the trial with its criminal complaint in 2014.

„This is the highest sum ever confiscated from a small arms manufacturer! The Federal Court of Justice has thus confirmed that illegal arms deals cost those responsible dearly,“ Holger Rothbauer, the lawyer for „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“, comments on the decision. „Even though the legislation against arms dealers remains too weak, this ruling against the SIG Sauer company finally treats illegal arms trafficking for what it is: organized crime,“ Rothbauer says, referring to the confiscation of the entire turnover from the illegal sale under a law that has been in place since 2017 and is mainly aimed at organized crime.

„After Heckler & Koch, SIG Sauer is the second German small arms manufacturer to be ordered to pay millions by the Federal Court of Justice within a few months. This is a milestone on the road to holding the merchants of death Made in Germany financially responsible. It is also a huge success for the campaign ‚Action Outcry – Stop the Arms Trade!‘,“ says Jürgen Grässlin, spokesperson for the campaign and national spokesperson for the „German Peace Society – United War Resisters“ (DFG-VK). In 2014, the campaign, represented by lawyer Holger Rothbauer, had filed a complaint about the illegal arms exports by SIG Sauer. The company had initially exported more than 38,000 pistols to the U.S., which were then illegally shipped to then war-torn Colombia.  As a result, three executives of the company from Germany and the USA were sentenced to suspended prison terms by the Kiel Regional Court in 2019. This verdict is final. The BGH now only heard appeals regarding the confiscation of revenues from the illegal arms sale demanded by the Regional Court. The appeals were largely rejected by the BGH, although one appeal was referred back to the Kiel Regional Court for reassessment. Only the distribution of liabilities within the group of companies is still affected by the reassessment.

In April 2020, the campaign filed the next criminal complaint against SIG Sauer alleging illegal small arms exports (this time to Mexico, Nicaragua, as well as Colombia again), and the Kiel Public Prosecutor’s Office is investigating.

„Policy makers must finally draw the consequences from the respective trials in the Heckler & Koch and SIG Sauer cases,“ says Charlotte Kehne, arms export control officer at “Living without Armaments” and spokesperson for „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“. „The forwarding of SIG-Sauer weapons to Colombia via the USA has once again shown that the final destination of small arms cannot be controlled. A strict arms export control law including a ban on small arms exports is therefore more than overdue! Moreover, politicians must take a firm stand against the internationalization strategies of arms companies. It is unacceptable that SIG Sauer can export all over the world via its sites abroad, while the profits from questionable arms deals continue to flow to the German holding company,“ says Kehne.

„We can prove with research on the ground and a dossier that SIG Sauer guns are causing great harm in Colombia,“ says Ralf Willinger, children’s rights expert at terre des hommes Germany. „SIG Sauer pistols are used by drug gangs, paramilitaries and guerrilla groups in crimes, forced on child soldiers, and criminal police and military have also used them in serious human rights violations and crimes. Children and young people from our projects have been severely affected,“ Willinger reports.

Large protests for human rights and social justice have been taking place in Colombia since April 2021. The government of President Iván Duque is using lethal force against peaceful demonstrators. Police in Colombia are primarily equipped with SIG Sauer weapons. „It is an important sign for Colombian civil society that arms companies in Germany are being successfully tried. Nevertheless, these weapons should never have come into the possession of the Colombian police units, whether through illegal or legal channels,“ says María Cárdenas of the German Colombian collective „Red Colombia Rhein-Main“. Red Colombia Rhein-Main, the German Peace Society – United War Resisters, and Colombia Viva e.V. jointly organized an artistic protest action before the verdict was pronounced in Karlsruhe to draw attention to the human rights situation in Colombia.

Contact fort he Media

Jürgen Grässlin, DFG-VK, RüstungsInformationsBüro e.V., Tel.: +49 170-6113759, jg@rib-ev.de

Charlotte Kehne, Ohne Rüstung Leben, Tel.: +49 711-62039372, orl-kehne@gaia.de  

Attorney Holger Rothbauer, DEHR-Rechtsanwälte, Tel.: +49 7071-1504949 / 0173-6577693, anwalt@dehr.eu

Ralf Willinger, terre des hommes, r.willinger@tdh.de, Tel. : +49 541-7101-108

Further Information

(In English): “Chronology of the legal export of more than 38,000 guns from Germany to the US and the illegal shipment from there to Colombia” on the “Global Net – Stop the Arms Trade”: https://www.gn-stat.org/?p=705

(In German): Dossier and fact sheet by terre des hommes „SIG-Sauer-Pistolen in Kolumbien“: www.tdh.de/kleinwaffen

(In German): „Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!“ Informationssammlung zu SIG Sauer: https://www.aufschrei-waffenhandel.de/daten-fakten/ruestungsfirmen/sig-sauer/

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